3 Monate USA

Ein bisschen spät aber dafür umfangreich…

Nach dem äußerst ereignisreichen zweiten Monat meiner Reise ist jetzt alles ein bisschen anders. Ich bin in Los Angeles angekommen und dort wartete mein guter Freund Greg auf mich. Er lebt in West-Hollywood und gab mir ein Zuhause für nun mehr fast einen ganzen Monat. Es war natürlich klar, dass sich mit einem festen ‚Wohnort‘ und einem so guten Freund an meiner Seite einiges ändern wird. Und obwohl ich müde war von den ständigen Ortswechseln und diesen gewaltigen Massen an neuen Eindrücken, überkam mich in den ersten 1 bis 2 Wochen eine Art Leere, ein Gefühl des ‚was jetzt‘ und ‚wohin mit mir‘. Ich hatte ja auch plötzlich viel mehr Zeit über alles nachzudenken, Erlebtes zu verarbeiten und Zukünftiges zu hinterfragen.

Aber auf der anderen Seite war ich auch extrem froh mit einem Freund zusammenzuwohnen, denn ich musste endlich nicht mehr die immer gleichen Antworten auf die immer gleichen Fragen geben. Ich konnte sie nämlich selbst schon langsam nicht mehr hören. Bei Greg konnte ich es einfach mal ein bisschen ruhiger angehen lassen. Und das tat mir, trotz oder gerade wegen des nicht ganz so guten Gemütszustands, sehr gut!

So wahnsinnig viel unternommen habe ich in der Anfangszeit nicht. Greg und ich haben meistens Sachen zusammen gemacht, denn 3 Tage die Woche hat er frei und er war froh mir sein Leben in LA zeigen zu können. Er hat mir seinen Freundeskreis vorgestellt, wir waren zu „Porch“-Partys (Terrassen-Partys) eingeladen, lagen am Pool, wir sind mal dahin und mal dahin gefahren. Und, obwohl ich befürchtet habe, dass mir Los Angeles nicht gefallen würde, wurde ich auch hier – wie schon in Miami – eines Besseren belehrt. Ich finde es nämlich wirklich gar nicht so schlecht. Es gibt überall schöne Ecken und unterschiedliche Stadtteile mit je ganz eigenem Charakter (Downtown hat den Metropolen-Style mit sehr viel Kunst und guten Bars, Sunset Boulevard hat viele Rockkneipen und Konzertschuppen, in denen die bekanntesten Bands auftreten, Silver Lake (Echo Park) und auch Los Feliz sind so was wie das Glockenbachviertel in cooler und größer, Venice muss man auch mal gesehen haben, usw., und…  die Menschen sind Gott sei Dank bei Weitem nicht so oberflächlich wie befürchtet.

Das Einzige, was in LA gar nicht geht, ist die unglaubliche Größe der Stadt. Für mich ist das mehr ein eigenes Land als eine Stadt. Das liegt daran, dass dort gar nicht so viel so hoch gebaut wird – meine Vermutung ist, dass das wegen der vielen Erdbeben so ist, ich weiß es aber nicht genau. Fakt ist, dass ich, obwohl ich in Städten mit mehr Einwohnern war, noch niemals eine Stadt mit diesen flächenmäßigen Ausmaßen gesehen habe. Ich würde dort nie wohnen wollen. Eine halbstündige Autofahrt in Kauf nehmen zu müssen nur, um mit Freunden einen Wein trinken zu gehen. Puh… Die langfristige Lösung für dieses Problem dort ist, den Freundeskreis an den Wohnort anzupassen. D.h., wenn man umzieht, sucht man sich über kurz oder lang neue Freunde. Ja, das kennt man von Umzügen in andere Städte oder Länder schon auch, aber in der gleichen Stadt… Ich weiß nicht so recht. Für mich ist das nix.

In der Zeit in der Greg gearbeitet hat, habe ich das Haus oft, außer für die üblichen Erledigungen, nicht verlassen. Ich habe mich meinen Aktivitäten (schreiben, malen, schlafen) gewidmet und schon war wieder ein Tag rum. Irgendwann so auf dem Balkon sitzend und den Kolibris beim nachmittäglichen Rumschwirren zusehend (ich musste diese Kleinen einfach noch einmal erwähnen) habe ich aber beschlossen aus dieser Phase der Lethargie heraus zu kommen und das Schicksal etwas herauszufordern. Ich hatte die Idee möglichst viele Leute in ganz Kalifornien über Couchsurfing anzuschreiben, um zu sehen, welche Reaktionen ich bekomme und dann danach gehend meinen Plan für die verbleibende Zeit hier zu schmieden. Normalerweise mache ich es nämlich andersrum, ich schmiede den Plan und suche dementsprechend gezielt die Leute aus.

Und eine der ersten Antworten war auch gleich einer der Besten. Angelique aus San Diego hat mich eingeladen an einem Wochenende runter zu kommen. Sie wohnt mit 3 anderen Leuten in einem tollen Haus mit Pool nicht weit von Zentrum entfernt. Das hörte sich einfach zu gut an, um nein zu sagen. Also bin ich dahin. Und mit diesen Leuten und ihren Freunden aus San Francisco und LA, die ich dort auch kennengelernt habe, hat sich für mich hier sehr viel geändert (da sieht man mal wieder, wie wichtig die Menschen um einen herum doch sind…) Wir haben uns wirklich super verstanden. Dieser Freundeskreis hat mich schnell in ihre Mitte aufgenommen und mir ihre Hilfe bei einer ‚Eingliederung in die Staaten‘ angeboten. Sie haben mir Tipps gegeben, mir Schlafplätze angeboten und mir sogar gesagt, dass ich in das Haus einziehen kann, falls ich mich irgendwann dafür entscheide nach San Diego zu ziehen. Und das ist schon wirklich sau cool! Das wollte ich immer mal haben. Ein Haus voller netter Leute, mit Pool und bezahlbar. Ich müsste mich jetzt eigentlich nur noch dafür entscheiden. Aber soweit bin ich noch nicht. Ich habe einfach noch zu viele offene Punkte auf meiner Liste stehen.

Obwohl mir San Diego als Stadt wirklich ganz wunderbar gefallen hat. Es hat New Orleans schnell vom ersten Platz meiner „wo-würde-ich-leben-wollen“-Rangliste abgelöst. Die Menschen in dieser Stadt sind entspannt und bodenständig, die Stadt ist nicht zu groß und nicht zu klein, das Wetter ist das ganze Jahr sehr warm und sonnig und die Natur drum herum ist wunderwunderschön. Man kann dort mit Robben schnorcheln und es tummeln sich im Jahr um die 40 000 Wale dort vor den Küsten, die Wüste daneben ist auch bildhübsch und Mexiko ist nur ein paar Kilometer entfernt. Ich könnte mir schon vorstellen dort eine Weile zu bleiben. Aber eben jetzt noch nicht und was irgendwann in Zukunft sein wird… keine Ahnung

Um die Zeit hier in Kalifornien aber noch etwas sinnvoller zu nutzen, habe ich auch beschlossen ein paar Punkte in Sachen Angstüberwindung anzugehen. Den Anfang habe ich damit gemacht, mir einen der größten Träume, die ich je hatte zu erfüllen. Fallschirmspringen! Man, ich sag‘s euch, das war das Allerbeste was ich je getan habe!! Und das Tolle war, ich hatte, als es endlich losging auch kaum noch Angst. Die Freude hat einfach überwogen. Und ich habe es geliebt und will es unbedingt irgendwann noch mal machen… jetzt, da ich weiß, wie es ist!

Die letzten Tage in San Diego war ich bei einem anderen CS-Host, einem Vollblut-Künstler/Musiker. Dem sagte ich, noch beflügelt von dem Sprung, dass ich immer schon Schlagzeug spielen oder Trommeln wollte. Gut, dies hat jetzt nichts mit Angst zu tun, aber ich habe es noch nie hinbekommen mit beiden Händen gleichzeitig unterschiedliche Sachen zu machen und ich habe es schon sehr oft probiert, also dachte ich, es wäre unmöglich. Was ein Glück, dass er u.A. Musiklehrer ist, der normalerweise pro Stunde viel Geld für seinen Unterricht bekommt… Jetzt kann ich‘s ! Muss zwar noch viel üben, aber ich kriege schon einen Rhythmus mit hoher Schwierigkeitsstufe hin. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz.

Wieder zurück in LA habe ich dann mit Greg das Autofahren geübt. Denn mir wurde im Laufe der letzten Wochen klar, dass ich, wenn ich der ganzen Freiheitsnummer hier noch einen Boost verschaffen will, ein Auto brauche. Und das muss ich ja dann auch fahren. Wer mich gut kennt, weiß, dass das auch so eine Sache für mich ist. Aber auch meine erste Fahrt nach Jahren lief ganz gut. Ich habe mich informiert, was ich bei einem Autokauf alles tun muss (ich hatte nämlich schon einen Dodge im Visier) und es stellte sich leider schnell heraus, dass ich für die Registrierung, da ich keinen amerikanischen Führerschein habe, zumindest eine ID des Staates brauche (es gibt auch andere Wege, aber das ist für mich als Amerikanerin der Leichteste). Also bin ich zum Amt und habe die mir angesehen wie das so läuft und, weil die Gelegenheit gerade da war und es nicht viel kostet, habe ich auch gleich die schriftliche Prüfung für den Führerschein probiert. Und ich habe sie bestanden! Für die praktische Prüfung habe ich jetzt ein Jahr Zeit und werde es wohl irgendwann bei Gelegenheit mal machen. Vielleicht aber nicht gerade in dem Verkehrschaos von Los Angeles…

Und nach all diesen Erfolgen hatte ich so einen leichten Überflieger und ein bisschen das Gefühl unbesiegbar zu sein. Ich kann Euch aber beruhigen, ich habe gleich danach einen Dämpfer bekommen und bin wieder zurück von meinem Höhenflug 🙂 dazu gleich mehr…

Von LA aus bin ich über Santa Barbara (hübsch aber nicht besonders erwähnenswert) nach Santa Cruz gefahren. Das ist für mich definitiv eine der interessantesten Städte bisher. Die Natur an diesem Ort ist gewaltig. Dort gibt es viele Delfine, Robben, Wale, Surfer, Klippen, Wind, Sonne, Hippies, Strände, süße kleine und etwas verspielte Häuser, Redwood-Wälder, und und und… und das alles in und um eine so kleine Stadt. Unfassbar!

Dieses Video, vielleicht habt ihr das letztes Jahr auch gesehen, ist in der Bucht von Santa Cruz aufgenommen worden:

(danke Sarah, dass du das Video erwähnt hast. Ich hätte da gar nicht mehr dran gedacht)

Ich habe in Santa Cruz über airbnb ein Baumhaus gebucht, weil ich immer schon große Angst hatte hoch zu klettern und dieses Haus ist zwar hoch, aber eigentlich machbar. Jetzt kommen wir auch schon zu dem angekündigten Dämpfer. Das Haus ist leider für mich doch noch zu hoch gewesen. Trotz starkem Willen und mindestens 30 Versuchen über 2 Tage verteilt habe ich es nicht geschafft hineinzuklettern. Mir fehlte der letzte halbe Meter. Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht einfach so alle Ängste abstreifen kann und doch noch ziemlich leicht zu erreichende Grenzen habe. Aber, das tat mir wohl auch ganz gut 😉 Fazit: ich werde in Zukunft definitiv mehr das Klettern üben müssen

Nun zur Frage, könnte ich mir grundsätzlich vorstellen hier zu leben: Wenn man dies hier so ließt, könnte man annehmen, dass hier alles nur ganz großartig ist und nichts dagegen spricht. Ich habe hier eine sehr gute Zeit, ich liebe die Landschaft und finde schnell Anschluss. Aber es gibt hier leider doch auch große Nachteile. Mit das größte Problem hier sind die vielen Verrückten und Obdachlosen. Ich weiß, das hört sich ziemlich harsch an, aber in Kalifornien ist das wirklich ein massives Problem, dem man ständig ausgesetzt ist. Wie überall in den Staaten werden nach und nach mehr Heime und Unterkünfte geschlossen und sie haben keinen Platz mehr, wo sie hingehen können. Zusätzlich scheinen extrem viele den kalifornischen Hippie-Lifestyle massiv übertrieben zu haben. Sie haben Drogenprobleme und/oder sind auf irgendwas hängen geblieben. Santa Cruz ist da leider ein sehr herausstechendes Beispiel, weil es dort, gemessen an der Einwohnerzahl, unfassbar viele seltsame Gestalten gibt. Unter der Woche, wenn die Touristen alle weg sind, hat man im Stadtzentrum ohne Übertreibung das Gefühl, dass mehr Leute, denen man auf der Straße begegnet, nicht ganz zurechnungsfähig sind als umgekehrt. Und das ist mir einfach zu viel. Ständig wird man angesprochen oder muss jemanden ausweichen, der sich für ein Tier oder eine Motorsäge hält. Mir tun diese Menschen unglaublich leid und ich sage so ungern alle 5 Minuten Nein zu jemanden, der mich um Zigaretten oder Kleingeld bittet. Aber es sind einfach zu viele. Und die zwei Lösungsansätze der Stadt, die ich mitbekommen habe, machen mich auch eher wütend als dass sie mir Zuversicht in eine bessere Zukunft geben.

Lösungsansatz 1: wir verbieten einfach alles und bestrafen es mit immens hohen Geldstrafen um so ihren Handlungsspielraum auf ein Minimum zu beschränken. Noch nie habe ich so viele Schilder gesehen was alles wo verboten ist. Kein Lärm, kein Skaten, keine Musik, keine Hunde, kein Rauchen, kein… und alles wird mit Strafen so um die 400$ durchgesetzt.

Lösungsansatz 2: wir kaufen ihnen ein oneway-Busticket in einen anderen Bundesstaat (unter dem Vorwand, dass sie so die Gelegenheit haben ihre Familien zu besuchen), und schon haben wir ein Problem weniger.

Zugegeben, das sind meine subjektiven Eindrücke und es beruht auf den wenigen Informationen, die ich in meinem kurzen Aufenthalt dort mitbekommen habe. Nichts Fundiertes also. Und, Santa Cruz ist wirklich das extremste Beispiel, die anderen Städte sind nicht ganz so. Trotzdem, das beeinflusst meine Entscheidung massiv (San Diego hat bei mir diezbezüglich übrigens auch den besten Eindruck gemacht…) Denn will ich mich und vielleicht irgendwann meine Familie wirklich dem aussetzten? Jeden Tag?

Auch lerne ich mehr und mehr die amerikanische Mentalität kennen und leider nerven mich viele Amerikaner doch recht schnell. Sie haben einen Haufen guter Eigenschaften (ihre Offenheit, ihre gelebte Liebe zur Freiheit, ihre Liebe zur Musik, ihren Aktionismus – zumindest, die die ich so kennengelernt habe – und ihre Toleranz – ja, die meisten sind so ziemlich allem, außer Kriminellen, die sie überfallen wollen, sehr tolerant gegenüber eingestellt). [und jetzt kommen wir leider zum politisch inkorrekten und sehr verallgemienernden Teil – muss auch mal sein…] Aber zu viele sind mir auch ein wenig zu einspurig in ihren Einstellungen, wie auch immer diese aussehen mögen. Und das wiederum geht mir leider einen Tick zu oft auf die Nerven. Ich schreibe hierbei nicht über Rednecks, religiöse Fanatiker oder Republikaner (oje, jetzt wird ein Teil meiner Familie leider nicht so erfreut sein…ich liebe Euch trotzdem!). Die sind für mich eh schon raus. Nein, ich meine eigentlich mehr die ‚Hoffnungsträger‘. Weltoffene, tolerante und sozial eingestellte Menschen. Auch sie kommen mir leider viel zu häufig irgendwie gedrillt vor. Hier ein paar Beispiele: Die Surfer sind zu oft ausschließlich auf das Surfen und sonst nichts gedrillt, die ‚Hippies‘ sind so sehr auf Frieden, Liebe und Öko gedrillt, dass sie einem dies quasi schon aufzwingen wollen, die Normalos sind extrem auf Konsum gedrillt und so weiter. Ich würde mir einfach etwas mehr Komplexität und Reflexion wünschen. Zu viele machen es sich halt doch sehr einfach. Ihr seht schon, ich habe mich in letzter Zeit öfter mal ärgern müssen und kann so einiges schon langsam nicht mehr hören. Ich weiß aber auch, dass das bei einer derartigen Reise durch Deutschland höchstwahrscheinlich nicht viel anders wäre. Wer weiß.

Einige Menschen, die ich hier kennen lerne, reißen das bisher aber noch locker raus. Und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ob das und diese prächtige Natur allerdings für mich ausreicht, hier her ziehen zu wollen, wird sich erst noch zeigen. Naja, ich habe ja noch eine Weile hier vor mir. Da kann noch viel passieren…

Ich bin auf jeden Fall heute erstmal voller Vorfreude. Denn ich bin gestern in San Francisco angekommen, mit einem verheißungsvollen wunderschönen doppelten Regenbogen empfangen worden und erwarte heute Abend Sebastian. Ich freue mich schon sehr mit ihm ein paar Wochen gemeinsam die Gegend zu erkunden und wieder mehr den unbeschwerten ‚Urlaubsmodus‘ einzuleiten 🙂 … denn schließlich kann man sich’s hier schon sehr einfach sehr gut gehen lassen! In diesem Sinne…

…wünsche ich Euch allen ganz viel Spaß auf der Wiesn und denk an Euch ! Bis Oktober Emily

Zum Abschluss widme ich mein Video diesmal den Australiern, denn ich habe noch nie so viele von ihnen kennengelernt wie in den letzten 3 Monaten (bei ihnen ist nämlich gerade Winter und der Dollarkurs steht gut für sie…)

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