2 Monate USA

Meine Pläne recht bald Chicago zu verlassen und weiter zu ziehen wurden, wie so oft, kurzfristig vertagt.

Meine couchsurfing hosts aus Chicago, die inzwischen Freunde geworden sind, haben mich mit sehr einfallsreichen Liedern und schauspielerischen Darbietungen zu dem Thema ‚verlassen werden‘ davon überzeugt doch noch eine Woche länger bei ihnen zu bleiben. Es ist schon komisch, dass man zu Menschen, die man kaum kennt, eine so enge Beziehung aufbauen kann, dass einem die Trennung alles andere al leicht fällt. Eine tolle Erfahrung! Obwohl… natürlich erst die Zeit zeigen wird, ob diese Verbindungen auch bestehen bleiben. Nichtsdestotrotz, die Großzügigkeit und das Wohlwollen von so vielen, die man eben erst kennen gelernt hat, ist genau das, was ich auf dieser Reise immer wieder erleben darf. Und dafür bin ich sehr dankbar. Denn es gibt wirklich viele gute Menschen da draußen! Und Chicago hat, meinem subjektiven Empfinden nach, besonders viele davon 😉

Aber irgendwann musste ich einfach weiter. Schließlich geht es hier ja auch darum einen Ort zu finden, an dem ich länger bleiben will, vielleicht sogar leben will, und Chicago ist da leider wegen dem harten Winter komplett raus aus der Auswahl.

Auch den Plan nach Memphis zu reisen habe ich verworfen. Die ganze Organisation dessen verlief zu holprig, da habe ich kurzerhand beschlossen den billigsten Flug Richtung Süden zu buchen. Das führte mich nach Miami.

Im Flugzeug dorthin habe ich, obwohl ich es mit betont unfreundlichem Verhalten zu vermeiden versucht habe, ein deutsch-amerikanisches Pärchen kennengelernt. Ich schreibe hier über sie, weil sie so ziemlich das Schlimmste sind, was mir hier in den Staaten passiert ist. Beide blonde Sportler mit perfekt weißen Zähnen und einem Dauerstahlen im Gesicht. Sie beide erzählten mir, dass sie so ‚excited‘ sind. Sie wollten in Miami zu einer „bodybuilding-show“ im American Airlines Station. Der Eintritt dafür koste 100 $. Sie machen nämlich seit einem Jahr in Fitness-Pulver, für Bodybuilding und so. Gaaanz tolles Pulver. Sie sei schwanger und könne es nach der Geburt sogar ihrem Baby geben. Es sei nämlich totaaal gesund, quasi ein Wundermittel. Und das Geschäft damit läuft suuuper. Sie haben, weil das alles so unfassbar gut läuft, vom Headquater sogar schon einen BMW bekommen. Usw. So ganz hatte ich in diesem Gespräch allerdings nicht raus hören können, worauf sie hinaus wollten. Sie haben mir auch nicht viel Zeit zum Nachdenken gelassen, denn sie wollten mich sofort dazu überreden auch zu dieser „show“ zu kommen. Obwohl ich ihnen mehrfach zu erklären versucht habe, dass ich nicht im Geringsten an Bodybuilding, geschweige denn an irgendwelchen Wunderpulvern interessiert bin, habe ich mich am Flughafen dann zumindest dazu breitschlagen lassen ihnen meine Nummer zu geben. Nur damit sie mich endlich in Ruhe lassen. Zu der „show“ wollte ich nie. Ein paar Stunden später fing der Terror dann an. Eine SMS nach der anderen, ein Anruf nach dem anderen. Ich muss uuunbedingt dahin kommen. Es ist ja so unglaublich ‚amaaazing‘. Ich musssss mir das einfach anschauen! Sie haben mir auch Freikarten besorgt. Für mich und meine Freunde. Wir müssen einfach nur dahin kommen. Egal wann… Ich habe irgendwann nicht mehr geantwortet. Aber die Nachrichten kamen 4 Tage lang, so ziemlich jede Stunde und immer wieder mit neuen Überzeugungsversuchen. Mal wollten sie mir erzählen, wie viel Spaß es dort macht. Mal wollten sie mir irgendwelche Leute vorstellen. Usw. Als ich ein paar Tage später youtube-Ausschnitte von dieser Veranstaltung gesehen habe, war mir endgültig alles klar. Ausverkauftes Stadion, von einer Bodybuilding-Show keine Spur, nur eine Show mit Motivationssprüchen, die die komplette Masse an Menschen (alle mit einem debilen Perlweislächeln und aufblasbaren Merchendisingartikel in den Händen) manipulieren und ihnen erzählen, dass jetzt, mit diesem Pulver, ihr Leben erst wieder lebenswert werden wird. Es sei die Lösung all ihrer Probleme. „Das Wunder geschieht. Jetzt gerade, im Hier und Jetzt, und sie alle sind privilegiert dabei sein zu dürfen “ Oh mannn, eine Bodybuilder-Abnehm-Pulver-Sekte mit Schneeballsystem und sie wollten mich im Ernst rekrutieren. Mich! Pfff… Ich weiß, ich bin selber schuld, ich hätte ihnen meine Nummer nie geben sollen… trotzdem… Zumindest war mit ihrer und meiner Abreise aus Miami auch dieses Thema endlich vorbei. Seitdem habe ich nichts mehr von ihnen gehört und das ist auch gut so.

Nun aber zu meinem eigentlichen Aufenthalt in der kontroversen Stadt Miami.  Ich war nur ein Paar Tage da und hatte eine tolle Zeit! An diese Stadt hatte ich so gar keine Erwartungen, wurde aber – couchsurfing sei Dank – sehr positiv überrascht. Ich habe die südamerikanische Gemeinschaft kennengelernt (Miami wird von ihnen auch der Norden Südamerikas genannt) und als Gegensatz dazu auch die intellektuelle yuppie-community, also ein Gruppe wohlhabender Designer, Makler und Künstler. 2 verschiedene cs-hosts = 2 extrem verschiedene Realitäten! Ich habe dort so viel Kunst, Streetart, Musik, und karibischen Flair erleben dürfen. Toll! Aber auch das, worum sich die Stadt hauptsächlich dreht: junge halb nackte Menschen und alte Gigolos, Selbstdarsteller in der ausgeprägtesten Form, das ständige Thema wer mit wem, Internetdating (sehr beliebt dort unten) und Anmachen überall. Irgendwie dreht sich dort alles nur um das Eine. Und, Drogen an jeder Ecke. Man merkt wirklich, dass dort der größte Umschlagplatz für die Drogenlieferungen an die Ostküste ist. Leider sieht man daher auch sehr viele sehr junge Drogensüchtige, wo wir dann wieder bei den jungen halb nackten Menschen und ihren alten Gigolos wären.

Trotzdem, mir hat es da gefallen, besonders weil diese Stadt sooo unfassbar 80er ist !! Einfach alles daran hat mir das Gefühl gegeben wieder in der Vergangenheit zu sein: die Architektur, die Musik, die Papageien überall, die Autos (kunterbunte Lamborghinis, gelbe Ferraris, rote Corvettes  – einfach alles, was das prollige Angeberherz aufblühen lässt), etc. Unglaublich ! Echt super ! Ich hätte mich in meinem kurzen Besuch dort nicht besser amüsieren können. Aber da leben… nein danke.

Noch eine Sache, ich habe dort auch einen Spielzeugentwickler kennengelernt. Sozusagen ein 38 jähriges Kind. Dieser Mann hat mir so viel über eines der wichtigsten kulturellen Grundsäulen Amerikas erklärt, dass ich mich jetzt sogar ein wenig wie eine „Eingeweihte“ fühle. Es geht um… Superhelden. Insbesondere um Batman! Batman ist (wohl auch wegen des neuen Films) das einzige Thema, was alle Menschen, ob schwarz oder weiß, alt und jung, Alternative, Rednecks, Yuppies, etc. begeistert. Und, die Geschichte ist, wie ich lernen durfte, auch gar nicht so trivial, wie man vielleicht meinen könnte. Besonders wenn man die Geschichte von früher und die jetzige Darstellung vergleicht. Es wird hier so detailliert diskutiert wie in Europa bspw. geschichtliche Themen. Batman zieht sich wirklich wie ein roter Faden durch meine letzten zwei Monate. Daher auch hier diese besondere Erwähnung…  😉

Von Miami aus bin ich dann mit dem Zug weiter nach Tampa. Ich wollte dort nur hin um ein bisschen mehr Zeit zum Tagebuchschreiben zu haben und habe das Hostel, in dem ich gewohnt habe, daher auch nicht wirklich verlassen. Über die Stadt selbst kann ich daher nicht viel berichten. Das Hostel hingegen war sehr interessant, eine über 30 Jahre zusammen geschusterte Festung neben einem verwunschenen Friedhof, auf dem es natürlich angeblich spukt (wie eigentlich überall im Süden Amerikas).

Als ich ankam wurde dort gerade ein Film gedreht. Das heißt, viele gute Leute und ständig was los an diesem sonst so beschaulichen Ort. Und meinen ersten Job habe ich dort auch gehabt, als „Geh-Assistentin“. Ich saß oben im Baumhaus und habe dem Kameramann, während er auf das Display schaute, mit Anweisungen geholfen nicht gegen einen der zahllosen Gegenstände dort zu laufen. Auf eine Bezahlung wurde beidseitig verzichtet. Nach ein paar Tagen mit dem immer gleichen Ablauf (aufstehen, Kaffee trinken, schreiben, die heimkehrende Filmcrew begrüßen, gemeinsam Bier trinken und wieder schlafen gehen) war ich wieder bereit für mehr Abwechslung.

Auf das nächste Ziel habe ich mich schon seit Wochen gefreut. New Orleans! Jeder, den ich unterwegs getroffen habe, hat gesagt, dass ich da unbedingt hin muss. Und sie hatten recht. Das ist wahrlich eine Stadt, die mich beeindruckt hat. So viel Charakter, so viel Musik, so viele so wunderbare Häuser, so viele nette Menschen, so viele Spukgeschichten, Voodoo, Brass Bands, den besten Jazz, den ich je gehört habe, heißes Wetter, tolles Essen, nicht zu viele Einwohner (nur 360.000) und grandiose Natur überall, in der Stadt selbst und drum herum. Die erste Stadt in der ich mir vorstellen könnte eine Weile zu wohnen. Wer weiß, vielleicht kehre ich tatsächlich irgendwann dorthin zurück.

Und ich hatte das große Glück an einer originalen Jazz-Beerdigung teilzunehmen. So etwas habe ich noch niemals zuvor gesehen! Ja, schon, im Fernsehen, aber da zu sein war schon was ganz besonders. Ich hatte über Stunden hinweg Gänsehaut und bin so nachhaltig beeindruckt von der Einzigartigkeit dieser Zeremonie, einer – ich muss es mir selbst immer wieder vor Augen halten – Beerdigung. Für diejenigen, die mit dem Begriff Jazz-Beerdigung nichts anfangen können: http://de.wikipedia.org/wiki/Jazz-Beerdigung Was dort nicht geschrieben steht, ist dass viele Tänzer fast in eine Art Trance fallen und unglaubliche Bewegungen im Tanz machen. Alle scheinen dabei eine bestimmte Rolle zu haben. Viele sind verkleidet, die Stimmung ist irgendwo zwischen ernst und gut, aber auf keinen Fall traurig. Es fällt mir wirklich schwer das in Worte zu fassen.  Wenn ihr also irgendwann mal die Gelegenheit habt auch an einer teilzunehmen, macht es !!!

[an dieser Stelle hätte ich gern ein kurzes Video eingebettet um euch die Stimmung dieser Prozession zu zeigen, das würde mich aber 60$ kosten, da habe ich mich dazu entschieden, es doch lieber in Facebook zu posten. Ihr könnt es euch ja dort ansehen. Es ist eh nur ein ganz ganz kurzer Ausschnitt…]

In Los Angeles wurde ich erst später erwartet, daher habe ich mich nach einer Weile in New Orleans dazu entschieden die Zeit zu nutzen, um mir noch etwas ganz anderes anzusehen. Nashville. Da ich inzwischen ein wenig übersättigt an den Eindrücken der letzten Wochen war, habe ich auch dort, wie schon in Tampa, nicht besonders viel unternommen. Leider habe ich in Nashville auch keine Hosts gefunden und bin daher wieder in ein Hostel gezogen. Dort habe ich zumindest dies über diese Stadt gelernt: es gibt dort tausende mehr oder weniger talentierte Singer-Songwriter, die auf den großen Durchbruch warten. Nashville wird von ihnen selbst sogar der ‚Heilige Gral des Liedes‘ genannt. Abends am Lagerfeuer (was wir nicht angezündet haben, weil es dafür aufgrund der andauernden Hitzewelle viel zu heiß war) spielen ca. 9 von 10 Leuten Gitarre und singen. Eigentlich ganz schön, nur eben ein bisschen zu viel des Guten. Es ist schwer sich auf ein Lied zu konzentrieren, wenn gleichzeitig noch 8 andere Lieder gespielt werden. Aber mir hat es trotzdem gefallen. Ich mag musikalische Menschen, und diese dort waren oft sehr glücklich und inspiriert, weil sie gerade in der Stadt irgendeinem ihrer Idole über den Weg gelaufen sind. Wie glücklich und stolz sie dann waren, war schon immer sehr schön mitzuerleben. Und, Musik ist in den Staaten, besonders im Süden, neben Batman DAS Top-Thema. Das ist meiner Meinung nach schon eine sehr schöne Seite von Amerika.

Seit gestern bin ich nun in Los Angeles. Ich freue mich nach so vielen so verschiedenen Orten mal wieder etwas ‚sesshafter‘ zu werden. Geplant habe ich nämlich 3 Monate in Kalifornien. Ich lebe hier wieder bei Freunden und werde versuchen mir diesen Teil der USA möglichst genau anzusehen. Und, hoffentlich werde ich hier auch mehr Zeit in der Natur verbringen können. Ich freue mich schon ganz besonders auf die Parks und das Campen darin. Ob das dann auch alles so läuft wie momentan geplant, werde ich euch ja dann in ein paar Wochen berichten. Denn so ein bisschen bekomme ich auch Lust für ein paar Wochen nach Central Amerika zu reisen. Schuld daran ist der Blog eines guten Freundes der gerade durch Mexiko reist 🙂 Wir werden sehen…

Da mein Reisebericht der letzten Wochen so schon so umfangreich geworden ist, werde ich euch meine neuen persönlichen Erkenntnisse zu Amerika und den Amerikanern sowie den neuesten Stand zu „kann ich mir vorstellen hier zu leben? ja oder nein?“ lieber eines der nächsten Male schreiben.

Hier nun aber noch ein Reisetipp, den ich wirklich jedem von euch empfehlen kann: NEW ORLEANS !! Eines der besten Städte, die ich je gesehen habe!! Und wer dabei noch mehr Kultur erleben will, am besten in der Zeit zwischen April und Juni dahin reisen. Zu der Zeit gibt es wirklich sehr viele sehr unterhaltsame Festivals. Hier feiern auch die Leute aus New Orleans selbst, das können sie nämlich wirklich gut. Und von ihnen habe ich auch diese Tipps bekommen. Und am allerallermeisten zu sehen gibt es an dem Wochenende direkt vor Ostern. Der Höhepunkt von Mardi Gras (Karneval in einigen Südstaaten). Ich selbst werde versuchen irgendwann in den nächsten Jahren zu dieser Zeit dorthin zurückzukehren.

Ich hoffe euch allen gehts gut & wünsche euch einen ganz fantastischen August!!

 

 

Advertisements

3 Gedanken zu „2 Monate USA

  1. Endlich Zeit gehabt alles zu lesen, weil ich wegen der Hitze mal wieder früh wach war. Sehr schön! Hatte schon auf einen Eintrag von dir gewartet.
    Bin gestern in San Ignacio angekommen. Das liegt in Belize an der Grenze zu Guatemala. Treffen in Mittelamerika wäre super! Wir „planen“ so halbherzig eine Runde Guatemala, Nicaragua und Honduras. Bzw. lassen uns einfach treiben. Das klappt eh viel besser. Oder ich komme nach Kalifornien. Mal sehen, wie es so läuft. Nur freue ich mich jetzt schon 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s